1. Was die First-Time-Fix-Rate misst - und was nicht

Die First-Time-Fix-Rate (FTFR, im Deutschen gelegentlich auch Erstbehebungsrate) ist der Anteil der Vor-Ort-Einsätze, nach denen der Servicefall erledigt war: kein zweiter Besuch, kein Rückruf, keine Eskalation. Die Formel ist einfach: Einsätze, die beim ersten Besuch gelöst wurden, geteilt durch alle Vor-Ort-Einsätze, mal 100. Werden in einem Monat 500 Einsätze gefahren und 380 davon beim ersten Besuch abgeschlossen, liegt die First-Time-Fix-Rate bei 76 Prozent. Der Kundendienst-Verband Deutschland führt die Kennzahl in seinem Programm für den Service Congress 2026 neben Reaktionszeit, Kosten je Einsatz und Produktivität als eine der zentralen Steuerungsgrößen im technischen Service.

So einfach die Formel ist, so leicht lässt sie sich verfälschen. Drei Festlegungen entscheiden darüber, ob die Zahl etwas taugt:

  1. Das Zeitfenster. Wann gilt ein Fall als gelöst? Der Aquant Field Service Benchmark Report 2024 (Herstellerstudie) misst die First-Time-Fix-Rate bei 30 Tagen und warnt ausdrücklich: Wer in Fenstern von sieben oder 14 Tagen misst, überschätzt die eigene Rate und unterschätzt die Lösungskosten, weil der zweite Besuch zum selben Problem außerhalb des Fensters liegt und als neuer Fall zählt.
  2. Die Zusammenfassung von Folgetickets. Zwei „erfolgreiche Erstbesuche“ an derselben Maschine innerhalb von drei Wochen sind aus Sicht des Kunden ein gescheiterter Einsatz. Solange Tickets zum selben Grundproblem nicht gruppiert werden, ist die Rate eine Fiktion.
  3. Der Umgang mit Remote-Lösungen. Ein Fall, den die Hotline am Telefon löst, ist kein Vor-Ort-Einsatz und gehört nicht in den Nenner. Wer die einfachen Fälle konsequent remote löst, verbessert den Service - und kann gleichzeitig eine sinkende First-Time-Fix-Rate messen, weil im Feld nur noch die schweren Fälle übrig bleiben. Deshalb gehören FTFR und Remote-Quote immer zusammen auf ein Blatt.

Eine Verwechslung kommt in deutschen Texten besonders häufig vor: Die Erstlösungsquote (First Call Resolution) ist eine Hotline-Kennzahl und misst, wie viele Anfragen beim ersten Kontakt ohne Einsatz erledigt werden. Die First-Time-Fix-Rate misst Vor-Ort-Einsätze. Die beiden haben unterschiedliche Nenner, unterschiedliche Benchmarks und unterschiedliche Hebel. Wer beide in eine Zahl zwingt, kann keine von beiden mehr steuern.

2. Benchmark 2026: Wo Ihr Service steht

Die belastbarste öffentlich zugängliche Datenbasis stammt von einem Anbieter: Der Aquant 2026 Field Service KPI Benchmark Report (veröffentlicht am 19. Februar 2026) wertet anonymisierte Daten von 161 Serviceorganisationen aus: knapp 30 Millionen Service-Events, 7 Millionen Assets und 8,3 Milliarden US-Dollar Servicekosten über drei Jahre. Aquant verkauft KI-Software für den Service und hat ein Interesse an großen Abständen zwischen guten und schlechten Organisationen - die Zahlen sind deshalb Richtwerte, keine neutrale Statistik. Neutralere gibt es allerdings nicht: Weder der VDMA noch der KVD veröffentlichen einen First-Time-Fix-Benchmark.

Kennzahl (2026)Schwächste 20 %BranchenwertBeste 20 %
First-Time-Fix-Rate60 %77 %88 %
Zeit bis zur Lösung10 Tage4,5 Tage2,5 Tage
Anteil fehlgeschlagener Einsätze an den Servicekosten44 %25 %14 %
First-Time-Fix-Abstand zwischen besten Technikern und dem Rest10 Punkte-2,9 Punkte
Mitarbeiterbindung66 %-87 %

Quelle: Aquant 2026 Field Service KPI Benchmark Report (Herstellerstudie, 161 Serviceorganisationen, Pressemitteilung vom 19. Februar 2026). Ein Fünftel aller Fälle ließe sich laut derselben Studie remote lösen; 20 Prozent der Fahrten wären vermeidbar.

Zwei Zahlen aus der Tabelle verdienen mehr Aufmerksamkeit als der Abstand zwischen 60 und 88 Prozent. Erstens der Kostenanteil: Fehlgeschlagene Einsätze machen im Median 25 Prozent der gesamten Servicekosten aus, bei den schwächsten Organisationen 44 Prozent. Zweitens der Abstand innerhalb der eigenen Mannschaft: Bei den besten Organisationen liegen die besten Techniker nur 2,9 Punkte über dem Rest, bei den schwächsten zehn Punkte. Aquant führt das auf Wissen zurück, das bei wenigen erfahrenen Technikern konzentriert bleibt - das ist die Diagnose, die auch die deutschen Studien im nächsten Abschnitt stellen.

Für den Maschinenbau ist die Ausgabe 2024 aufschlussreicher, weil sie nach Branchen trennt: Der Median für Industriemaschinen lag dort bei 71,9 Prozent, gegenüber 76 Prozent über alle Branchen. Wer im Maschinen- und Anlagenbau bei 72 Prozent steht, ist also im Branchenschnitt, nicht abgeschlagen - und hat trotzdem den weiten Weg zu den 88 Prozent der besten Organisationen vor sich.

3. Warum Zweiteinsätze entstehen: Teile, Erfahrung, Information

Wer die First-Time-Fix-Rate steigern will, muss wissen, woran der erste Besuch scheitert. Die einzige frei zugängliche Erhebung, die Ursachen auftrennt, ist alt, aber sauber dokumentiert: Die Aberdeen Group befragte im Januar 2013 156 Serviceorganisationen für die Analyse „Fixing First-Time Fix“ (März 2013, Analystenhaus). Als Gründe für einen zweiten oder dritten Besuch nannten 51 Prozent fehlende oder falsche Ersatzteile, 25 Prozent fehlende Erfahrung des Technikers und 13 Prozent zu wenig Zeit vor Ort. Die durchschnittliche First-Time-Fix-Rate lag damals bei 75 Prozent, die besten Organisationen erreichten 89, die schwächsten 56 - fast dieselbe Spanne wie 13 Jahre später bei Aquant.

Auf den ersten Blick spricht das gegen die These, dass Wissen der Engpass ist: Der häufigste Grund ist das Teil, nicht die Information. Dieselben Befragten nannten aber als wirksamste Maßnahme zur Verbesserung mit 58 Prozent eine bessere Diagnose oder Vorqualifizierung bei der Annahme des Falls - mit 25 Punkten Abstand vor dem besseren Zugriff auf Ersatzteile im Fahrzeug (33 Prozent), intelligenterer Einsatzplanung (32 Prozent) und mehr Schulung (25 Prozent). Das falsche Teil im Kofferraum ist in den meisten Fällen die Folge einer unvollständigen Diagnose am Telefon. Die Teilefrage ist eine Informationsfrage, nur eine Station früher.

Wie sich das im Alltag deutscher Servicetechniker anfühlt, zeigt der Insight-Report Service 2022, den der Dokumentationsdienstleister kothes mit dem Kundendienst-Verband Deutschland und den Partnerverbänden in Österreich und der Schweiz erhoben hat (Befragung April bis Juli 2022, 43,6 Prozent der Befragten aus dem Maschinen- und Anlagenbau; die Teilnehmerzahl weist der Bericht nicht aus). Die Studie fragte direkt nach der First-Time-Fix-Rate:

Wie oft führten fehlende Informationen dazu, dass weitere Einsätze nötig wurden?Anteil der Befragten
Niemals5,3 %
Bei bis zu 10 Prozent der Einsätze43,8 %
Bei 10 bis 20 Prozent der Einsätze24,8 %
Bei 20 bis 30 Prozent der Einsätze15,9 %
Bei 30 bis 50 Prozent der Einsätze7,1 %
Bei mehr als der Hälfte der Einsätze3,1 %

Quelle: kothes/KVD/KVA/SKDV, Insight-Report Service 2022, Befragung von Servicetechnikern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für knapp 95 Prozent der Befragten waren fehlende Informationen schon einmal der Grund für eine Zweitanfahrt; bei gut einem Viertel passiert das bei mehr als jedem fünften Einsatz.

Die 95 Prozent sind die Zahl, die in Anbieterfolien landet. Die Verteilung ist die ehrlichere Aussage: Für die Mehrheit ist die Informationslücke ein gelegentliches Problem, für gut ein Viertel der Techniker ein ständiges. Genau dieses Viertel entscheidet über die Rate der Organisation - und es ist in der Regel nicht das Viertel mit der wenigsten Erfahrung, sondern das mit den ältesten Anlagen und den seltensten Fehlerbildern.

Der Rest der Studie erklärt, warum die Lücke entsteht. Mehr als 90 Prozent der Befragten verbringen täglich mindestens eine halbe Stunde mit der Suche nach Informationen, mehr als ein Drittel mindestens eine Stunde, im Maschinen- und Anlagenbau 12,4 Prozent mehr als zwei Stunden. Für knapp 60 Prozent ist unklar, wo sie überhaupt suchen sollen. Gut 83 Prozent behelfen sich mit eigenen Notizen, die Hälfte vermisst Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Fehlerbehebung, fast 44 Prozent erhalten Informationen ausschließlich auf Papier. Und die Zahl, die jedes Softwarekonzept vor dem Start beantworten muss: Fast 70 Prozent haben am Einsatzort keinen Internetzugriff.

4. Was ein Zweiteinsatz kostet: eine Modellrechnung

Eine belastbare, datierte Quelle für die Vollkosten eines Serviceeinsatzes in Euro gibt es nicht - die Zahlen, die im Netz kursieren, stammen aus Anbieterblogs ohne Methodik. Was es gibt, sind dokumentierte Multiplikatoren: Laut Aberdeen (2013) zog ein nicht gelöster Erstbesuch im Schnitt 1,6 weitere Fahrten nach sich; laut Aquant (2024) sind es 2,7 Besuche insgesamt bis zur Lösung, 13 zusätzliche Tage und Lösungskosten, die 44 Prozent über den Kosten eines einzelnen Auftrags liegen. Daraus lässt sich eine Modellrechnung bauen, in die Sie Ihre eigenen Werte einsetzen:

PositionFTFR 72 %FTFR 77 %
Vor-Ort-Einsätze pro Jahr (Annahme)6.0006.000
Beim ersten Besuch nicht gelöst1.6801.380
Zusatzeinsätze (1,6 je nicht gelöstem Erstbesuch)2.6882.208
Kosten der Zusatzeinsätze bei 450 EUR je Fahrt (Annahme)1.209.600 EUR993.600 EUR
Unterschied bei fünf Prozentpunkten480 Zusatzeinsätze, 216.000 EUR pro Jahr

Modellrechnung, keine Projektion. Annahmen bewusst konservativ: 6.000 Einsätze entsprechen einer Organisation mit rund 40 bis 50 Technikern; 72 Prozent liegen nahe am Aquant-Median für Industriemaschinen (2024); 1,6 Zusatzeinsätze sind der niedrigere der beiden dokumentierten Multiplikatoren; 450 Euro je Fahrt (Anfahrt, Arbeitszeit, Spesen) sind eine Setzung, kein Studienwert - ersetzen Sie sie durch Ihre Vollkosten.

Die Tabelle rechnet nur, was in der Kostenstelle des Service sichtbar ist. Drei Posten stehen nicht darin und sind in der Praxis oft größer: die 480 Einsätze binden bei vier Stunden je Fahrt rund 1.900 Technikerstunden, die für Wartungsverträge oder Neuanlagen fehlen; das Ersatzteil, das im zweiten Anlauf doch noch bestellt wird, kostet Expressversand; und beim Kunden dauert die Lösung 13 Tage länger, was er sich beim nächsten Wartungsvertrag merkt. Aberdeen fand 2013 einen deutlichen Zusammenhang: Bei Organisationen mit einer First-Time-Fix-Rate über 80 Prozent lag die Kundenbindung bei 88 Prozent, bei Organisationen unter 50 Prozent bei 60 Prozent.

5. Sechs Hebel für eine höhere First-Time-Fix-Rate

Die Hebel folgen dem Weg eines Servicefalls: von der Annahme am Telefon über die Vorbereitung und den Einsatz bis zum Servicebericht. Die ersten drei wirken, bevor jemand losfährt - dort entsteht laut Aberdeen der größte Teil des Problems. Wo KI dabei belegbar hilft und wo nicht, beschreibt der Leitfaden zu KI im After-Sales ausführlicher; hier geht es um die Hebel selbst, unabhängig vom Werkzeug.

01
Vorqualifizierung am Telefon: Diagnose vor Dispatch

58 Prozent der von Aberdeen befragten Organisationen sahen hier den größten Hebel, und die Logik ist unverändert: Jeder Fall, der mit Fehlercode, Seriennummer, Symptombeschreibung und der Historie der Maschine angenommen wird, fährt mit dem richtigen Teil und dem richtigen Techniker los. Die Hotline braucht dafür Zugriff auf dieselben Quellen wie der Außendienst: Dokumentation, Serviceberichte, Stückliste der konkreten Maschine. Ein Wissenssystem, das diese Quellen im Kontext der Seriennummer durchsucht, macht aus einem Disponenten einen Vorqualifizierer - vorausgesetzt, es zeigt zu jeder Antwort die Quelle.

02
Remote lösen, was sich remote lösen lässt

Ein Fünftel aller Fälle ließe sich laut Aquant 2026 remote lösen, und ein Drittel aller Anfragen sind laut der Ausgabe 2025 einfache Informationsfragen. Jeder dieser Fälle, der nicht gefahren wird, verschwindet aus dem Nenner der First-Time-Fix-Rate und aus der Kostenstelle. Der Hebel ist keine Software, sondern eine Regel: Kein Dispatch ohne dokumentierten Remote-Versuch, außer bei Sicherheitsrelevanz oder Vertrag.

03
Das Teil aus der Diagnose ableiten, nicht aus der Erfahrung

51 Prozent der von Aberdeen befragten Organisationen nannten fehlende oder falsche Teile als Grund für Zweiteinsätze. Der Fehler passiert selten im Lager, sondern bei der Frage, welches Teil überhaupt gebraucht wird. Wer die Fallhistorie derselben Maschine und derselben Baureihe auswertet, sieht, welche Teile bei welchem Fehlerbild in der Vergangenheit tatsächlich getauscht wurden - und packt sie ein, bevor der Techniker vor Ort feststellt, dass die Variante des Kunden ein anderes Ventil hat. Voraussetzung ist eine Stückliste je Seriennummer, die Umbauten kennt.

04
Wissen vor Ort - und zwar offline

Der Techniker vor der Anlage braucht die Fehlercode-Tabelle, den Schaltplan der konkreten Variante und den Servicebericht des Kollegen, der denselben Fehler vor drei Jahren am selben Anlagentyp behoben hat. Gut 83 Prozent behelfen sich heute mit eigenen Notizen, weil das System, in dem diese Information stehen sollte, entweder nicht existiert oder in der Halle nicht erreichbar ist. Fast 70 Prozent haben am Einsatzort keinen Internetzugriff - ein Wissenssystem, das nur online funktioniert, hilft dem Techniker im Keller des Kunden nicht. Was ein solches System können muss, damit Techniker ihm trauen, steht in der Entscheider-Checkliste für KI-Assistenten im Service.

05
Erfahrung in der Fläche statt in drei Köpfen

Bei den schwächsten Organisationen liegen die besten Techniker zehn Punkte über dem Rest, bei den besten nur 2,9. Der Unterschied ist nicht Talent, sondern die Frage, ob das Wissen der drei erfahrensten Leute für alle anderen abrufbar ist. Ein Viertel der befragten Organisationen nannte fehlende Erfahrung als Grund für Zweiteinsätze - und Erfahrung lässt sich nicht schulen, wenn der Fehler nur alle zwei Jahre auftritt. Sie lässt sich aber dokumentieren und wiederfinden, wenn Servicefälle strukturiert erfasst werden.

06
Der Servicebericht als Quelle, nicht als Pflichtfeld

Jeder gelöste Fall ist die Antwort auf den nächsten gleichen Fall - wenn er so erfasst wird, dass man ihn wiederfindet: Fehlerbild, Ursache, getauschtes Teil, Dauer, Besonderheit der Variante. Ein Bericht, der aus „Fehler behoben“ besteht, ist für die First-Time-Fix-Rate wertlos. Ein Bericht mit Ursache und Ursachencode ist die Datenbasis für Hebel eins bis fünf. Das ist der unspektakulärste Hebel auf dieser Liste und der einzige, ohne den die anderen nicht dauerhaft wirken.

6. Wann eine höhere First-Time-Fix-Rate nicht das Ziel ist

Die First-Time-Fix-Rate ist keine Kennzahl, die man maximiert. Aberdeen hielt schon 2013 fest, dass 100 Prozent nicht der Idealzustand sind, wenn der Weg dorthin über größere Fahrzeuglager oder pauschalen Teiletausch führt - irgendwo gibt es einen Punkt, an dem der nächste Prozentpunkt mehr kostet, als er einspart. Aus unserer Sicht gibt es vier Konstellationen, in denen die Rate der falsche erste Hebel ist:

  1. Das Problem liegt in der Teilelogistik, nicht im Wissen. Wenn die Diagnose stimmt und das Teil trotzdem fehlt, weil das Lager es nicht führt oder die Lieferzeit sechs Wochen beträgt, hilft kein Wissenssystem. Dann ist die Bevorratung je Baureihe und installierter Basis das Thema.
  2. Die Rate liegt bereits über 85 Prozent. Dann ist die Remote-Quote meist der größere Hebel: Jeder Fall, der nicht gefahren wird, spart mehr als jeder Fall, der beim ersten Mal gelöst wird.
  3. Die Fälle wiederholen sich kaum. Wer im Jahr eine Handvoll Sondermaschinen betreut, deren Störungen einander nie gleichen, hat keine Fallhistorie, aus der sich etwas ableiten lässt. Dort zählen Erfahrung und Zeit vor Ort, nicht Vorqualifizierung.
  4. Niemand misst. Eine First-Time-Fix-Rate, die aus dem Bauch geschätzt wird, lässt sich nicht steigern, weil niemand merkt, ob sie sich bewegt. Aberdeen fand 2013, dass 17 Prozent der Organisationen ihre Rate nicht kannten. In diesem Fall ist Abschnitt 7 der einzige sinnvolle erste Schritt.

Und eine Warnung vor dem Umkehrschluss: Die Maßnahmen aus Abschnitt 5 sind Voraussetzungen, keine Garantien. Was davon in Ihrem Betrieb ankommt, hängt von Datenlage, installierter Basis und Nutzung ab. Deshalb gehört die eigene Baseline vor jede Entscheidung über Werkzeuge.

7. Erste Schritte: Die First-Time-Fix-Rate messen, bevor Sie sie steigern

Der Messplan passt auf eine Seite und braucht in den ersten Wochen keine Software, die Sie nicht schon haben:

  1. Definition festlegen und aufschreiben. Nenner: alle Vor-Ort-Einsätze. Zähler: Einsätze, nach denen innerhalb von 30 Tagen kein weiterer Einsatz zum selben Fall an derselben Maschine nötig war. Remote gelöste Fälle zählen nicht in den Nenner, sondern in eine eigene Quote.
  2. Folgetickets gruppieren. Jedes Ticket bekommt die Seriennummer der Maschine und, wenn es ein Folgeeinsatz ist, die Nummer des Erstbesuchs. Ohne diese Verknüpfung ist die Rate nicht berechenbar.
  3. Ursachencode für jeden Zweiteinsatz. Vier Codes reichen: Teil (fehlend oder falsch), Diagnose (Fehler anders als angenommen), Information (Dokumentation oder Historie fehlte vor Ort), Zeit oder Zugang (Anlage nicht verfügbar, Auftrag zu groß). Der Techniker setzt den Code im Bericht, nicht die Disposition im Nachhinein.
  4. Vier bis acht Wochen Baseline. Gesamtrate, Rate je Baureihe, Rate je Techniker, Verteilung der Ursachencodes. Erst die Aufschlüsselung zeigt, ob Sie ein Teile-, ein Wissens- oder ein Planungsproblem haben - und damit, welcher Hebel aus Abschnitt 5 zuerst dran ist.
  5. Drei Kennzahlen zusammen auf ein Blatt. First-Time-Fix-Rate, Remote-Quote und Kosten je gelöstem Fall. Jede einzeln lässt sich schönen; alle drei gemeinsam nicht.

Wer diesen Plan einmal durchlaufen hat, weiß nach zwei Monaten, wo die Zweiteinsätze herkommen. Das ist mehr, als die meisten Anbieterpräsentationen über Ihren Betrieb wissen - und es ist die Voraussetzung dafür, dass ein Pilot mit einem Wissenssystem überhaupt eine Entscheidung liefern kann.

8. Häufige Fragen

Was ist eine gute First-Time-Fix-Rate?

Laut dem Aquant 2026 Field Service KPI Benchmark Report (Herstellerstudie, 161 Serviceorganisationen) liegt der Branchenwert bei 77 Prozent, die besten 20 Prozent erreichen 88 Prozent, die schwächsten 60 Prozent. Für Industriemaschinen nannte die Ausgabe 2024 einen Median von 71,9 Prozent. Vergleichbar sind diese Werte nur mit einer Messung, die dasselbe Zeitfenster (30 Tage) und dieselbe Definition verwendet.

Wie berechnet man die First-Time-Fix-Rate?

Anzahl der Vor-Ort-Einsätze, nach denen innerhalb eines festen Zeitfensters kein weiterer Einsatz zum selben Fall nötig war, geteilt durch die Gesamtzahl der Vor-Ort-Einsätze, mal 100. Entscheidend sind zwei Festlegungen: das Zeitfenster (Aquant misst bei 30 Tagen; kürzere Fenster überschätzen die Rate) und die Regel, dass Folgetickets zum selben Fall zusammengefasst werden.

Ist die First-Time-Fix-Rate dasselbe wie die Erstlösungsquote?

Nein. Die Erstlösungsquote (First Call Resolution) misst, wie viele Anfragen die Hotline beim ersten Kontakt löst, ohne dass jemand rausfährt. Die First-Time-Fix-Rate misst, wie viele Vor-Ort-Einsätze beim ersten Besuch erledigt sind. Beide Kennzahlen haben unterschiedliche Nenner und lassen sich nicht gegeneinander vergleichen.

Was ist der häufigste Grund für einen Zweiteinsatz?

In der einzigen frei zugänglichen Erhebung, die Ursachen auftrennt (Aberdeen Group, 2013, 156 Serviceorganisationen), nannten 51 Prozent fehlende oder falsche Ersatzteile, 25 Prozent fehlende Erfahrung des Technikers und 13 Prozent zu wenig Zeit. Dieselben Befragten nannten als wirksamste Gegenmaßnahme mit 58 Prozent eine bessere Diagnose bei der Annahme des Falls - das falsche Teil im Kofferraum ist meist die Folge einer unvollständigen Diagnose am Telefon.

Wann lohnt sich eine höhere First-Time-Fix-Rate nicht?

Wenn der letzte Prozentpunkt nur mit größeren Fahrzeuglagern oder pauschalem Teiletausch zu erreichen wäre - dann steigen die Kosten schneller als der Nutzen, wie Aberdeen schon 2013 festhielt. Außerdem, wenn die Rate bereits über 85 Prozent liegt und die Remote-Quote der größere Hebel ist, oder wenn Sondermaschinen betreut werden, deren Fälle sich kaum wiederholen.

9. Quellen

Alle im Text zitierten Zahlen mit Herkunft. Studien von Anbietern mit kommerziellem Eigeninteresse sind entsprechend gekennzeichnet.

  • Aquant, 2026 Field Service KPI Benchmark Report (Pressemitteilung vom 19. Februar 2026; Herstellerstudie eines Anbieters von KI-Servicesoftware; 161 Serviceorganisationen, knapp 30 Millionen Service-Events, 7 Millionen Assets, 8,3 Milliarden US-Dollar Servicekosten über drei Jahre): First-Time-Fix-Rate, Lösungszeit, Kostenanteil fehlgeschlagener Einsätze, Remote-Potenzial, Abstand zwischen Technikern, Mitarbeiterbindung.
  • Aquant, 2024 Field Service Benchmark Report (PDF, Januar 2024; Herstellerstudie; 145 Serviceorganisationen, über 24 Millionen Aufträge, über 582.000 Techniker): Messung bei 30 Tagen, Median je Branche (Industriemaschinen 71,9 Prozent), 2,7 Besuche und 13 zusätzliche Tage je nicht gelöstem Erstbesuch, Lösungskosten 44 Prozent über den Auftragskosten. Die Ausgabe 2025 (Pressemitteilung vom 13. Februar 2025) lieferte den Wert von einem Drittel einfacher Informationsanfragen.
  • kothes, KVD, KVA und SKDV, Insight-Report Service 2022 (PDF, November 2022; Befragung von Servicetechnikern in Deutschland, Österreich und der Schweiz zwischen April und Juli 2022, 43,6 Prozent aus dem Maschinen- und Anlagenbau, Teilnehmerzahl nicht ausgewiesen; kothes ist ein Dienstleister für Technische Dokumentation): Zweitanfahrten durch fehlende Informationen, Suchzeiten, eigene Notizen, Papier, Internetzugriff am Einsatzort.
  • Aberdeen Group, Fixing First-Time Fix: Repairing Field Service Efficiency to Enhance Customer Returns (Analyst Insight, März 2013, Befragung von 156 Serviceorganisationen im Januar 2013; Analystenhaus; das PDF wird von einem Drittanbieter gehostet, Aberdeen selbst bietet es nicht mehr an): Gründe für Zweiteinsätze, Maßnahmen, 1,6 Zusatzfahrten, Kundenbindung nach First-Time-Fix-Klasse, Anteil nicht messender Organisationen.
  • TSIA, Top KPIs for Field Service Organizations (16. März 2021; Mitgliederverband der Technologiebranche): Median von 87 Prozent beim ersten Besuch gelöster Fälle.
  • Kundendienst-Verband Deutschland, Programm Service Congress 2026 (24. August 2026): First-Time-Fix-Rate als Steuerungskennzahl im technischen Service.

Die First-Time-Fix-Rate ist die Kennzahl, an der sich der Service am wenigsten belügen kann - vorausgesetzt, sie wird mit festem Zeitfenster, gruppierten Tickets und einem Ursachencode gemessen. Wer das zwei Monate lang tut, weiß, ob die Zweiteinsätze an Teilen, an Erfahrung oder an Information liegen. Und wer es weiß, braucht für die Entscheidung über den nächsten Schritt keine Anbieterfolie mehr, sondern nur noch die eigene Tabelle.